"Wegzeichen"

   

„The Germans to the Front“: Imperiale Angriffe 1900 - und 2013? 

 

 

Thomas Bargatzky

(9. September 2013)

 

Zur Bekämpfung des sogenannten „Boxeraufstandes“ setzte sich im Juni 1900 ein 2117 Mann starker internationaler Verband von Tientsien auf Peking in Bewegung. Deutschland stellte 509 Mann. Während des Feldzuges erscholl der legendäre Befehl „The Germans to the front“.

 

Auch heute soll sich Deutschland wieder an einem „Militärschlag“ beteiligen - gegen Syrien, wenn auch nicht gerade mit Bodentruppen. „Militärschlag“ das ist nichts weiter als eine beschönigende Umschreibung für „Angriffskrieg“ - gegen einen souveränen Staat, mit dem Deutschland keinen Streit hat, der Deutschland nicht angegriffen hat. Heute geht es freilich nicht um koloniale Eroberungen, heute soll die internationale Gemeinschaft im Rahmen der von den Vereinten Nationen 2005 ausgerufenen Schutzverantwortung - „responsibility to protect“ (R2P) - einen Diktator „bestrafen“, der angeblich Giftgas gegen sein Volk eingesetzt hat - zuletzt unter den Augen der UN-Mission, die solche Einsätze untersuchen sollte. Das wäre so, als ob ein Mörder die Polizei ruft, während er dabei ist, sein Verbrechen zu begehen. Aber Deutschland muß diesmal dabei sein, heißt es, damit es nicht an internationalem Einfluß einbüßt, wie 2011 im Falle Libyens, wo es „untätig zusah“ - so predigen es jedenfalls seit Wochen Politiker und Journalisten der meisten „Qualitätsmedien“.

 

Deutschland hat seinerzeit genau das Richtige getan, als es sich nicht am Libyenkrieg beteiligte. Der kanadische Anthropologe Maximilian Forte hat 2012 ein Buch vorgelegt, in dem er auf der Grundlage einer Fülle von Textzeugnissen und Artikeln ein Bild des Angriffskrieges gegen dieses Land zeichnet, das den von den „mainstream“-Medien popularisierten Quasi-Mythos vom Volksaufstand als Lügengebäude entlarvt - ein Aufstand, der selbstlos vom Westen unterstützt wurde, um den bösen Diktator (Gaddafi) hinwegzufegen, damit Demokratie und Menschenrechten zum Durchbruch verholfen werde.(1) Der Autor kann sich auch auf die durch WikiLeaks möglich gemachte Lektüre der elektronischen Korrespondenz der US-Botschaft in Tripolis stützen. Es handelte sich um einen Angriffskrieg, der unter dem Deckmantel angemaßter „Schutzverantwortung“ knallhart ökonomische und politische Dominanzinteressen verfolgte. Dieser Krieg gegen Libyen war auch ein Krieg gegen Afrika, so der Untertitel des Buches, in dem der Westen, d.h. die USA, sich den Zugriff auf afrikaniscnes Erdöl sichern wollte. Afrika wird für den Westen als Lieferant von Energie und strategisch wichtigen Metallen immer bedeutender. Gaddafi stand ihm dabei im Wege. Er hatte sich die politische und wirtschaftliche Einigung Afrikas zum Ziel gesetzt und dafür auch viel Geld investiert - Mittel, die für den Aufbau Libyens fehlten, woraus ein Teil des Widerstands gegen ihn zu erklären ist.

 

Hinter der humanitaristisch verbrämten Krieghetze gegen Syrien verbergen sich ebenfalls handfeste materielle Interessen seitens des Westens. Es geht darum, ob Europa in Zukunft durch die sogenannte „Islamische Pipeline“ mit Erdgas vom Persischen Golf versorgt wird, die vom schiitischen Iran über den Irak nach Syrien verlaufen soll, oder durch die „Arabische Pipeline“, die von den sunnitischen Ländern Katar und Saudi-Arabien ausgeht und über Syrien in die Türkei führt. Syrien ist somit eine entscheidende Relaisstation bei der Umleitung der Erdgasströme aus dem Nahen Osten nach Europa. Dort haben sich wirtschaftliche Interesse und religiöse Gegensätze zu einem schwer entwirrbaren Knäuel verheddert. Syrien, Irak und Iran vereinbarten am 25. Juli 2011 im Abkommen von Bushehr ein Investitionsprogramm im Umfang von 10 Milliarden $US zur Konstruktion einer Erdgasleitung, die ab 2014 täglich 110 Millionen Kubikmeter Gas aus dem iranischen Süd-Pars Erdgasfeld im Persischen Golf nach Damakus leiten soll. Syrien soll taglich 20-25 Millionen Kubikmeter Gas iranisches Gas abnehmen. Diese Gasleitung soll letztlich bis Libanon und Europa verlängert werden und Irans Rolle als „global player“ auf dem Energiemarkt festigen.(2)

 

Der Iran, Hauptgegner der sunnitischen Staaten Katar und Saudi-Arabien, ist für die USA ein „Schurkenstaat“, dessen Einfluß unter allen Umständen zurückgedrängt werden soll. Als Syrien sich in der Pipeline-Frage für die „schiitische Lösung“ entschied, kamen der Westen und seine Verbündeten Katar und Saudi-Arabien offenbar überein, daß dort „regime change“ nötig ist und Assad gestürzt werden muß. Etwa um die Zeit der Unterzeichnung des Bushehr-Abkommens begann auch der Aufstand in Syrien gegen die Assad-Regierung.(3)

 

Deutschland sollte nicht an der Seite von Al-Kaida in Syrien stehen, neben „Freiheitskämpfern“, die es in Afghanistan als „Terroristen“ bekämpft, in einem Krieg, der von arabischen Staaten finanziert wird, wie US-Außenminister Kerry zugab, um die Bedenken des US-Kongresses wegen der Kosten eines neuen Krieges zu zerstreuen.(4)

 

Wenn wieder gerufen wird: „The Germans to the front“, sollte Deutschland dem Ruf nicht folgen.

 

 

(1) Maximilian Forte: Slouching towards Sirte. NATO’s war on Libya and Africa. Montreal, Baraka Books, 2012.

 

(2) Iran, Iraq, Syria will sign the largest gas pipeline project in Middle East. Tehran Times 23. Juli 2011 (online: www.tehrantimes.com, letzter „update“: 28. November 2011); July 2011: Iraq, Iran, Syria sign $ 10 billion gas-pipeline deal. “Follow the money”, www.wordpress.com.

 

(3) Dmitry Minin: The geopolitics of gas and the Syrian crisis: Syrian “opposition” armed to thwart construction of Iran-Iraq-Syria gas pipeline. Global Research (online), 3. Juni 2013.

 

(4) Arab nations offer to help pay for Syria strike, John Kerry says. www.huffingtonpost.com, unter Verweis auf Agence France Presse, 4. Sept. 2013.